Vertraute Fremdheit
Florian Japps Objekte behaupten eine selbstverständliche Präsenz. Befreit von Akzidenzien, Hüllen und Mehrdeutigkeiten, treten sie klar, karg und ungeschützt“ in Erscheinung. Ihre kühlen Baupläne - Schichtung, Fächerung, Zentrierung - korrespondieren mit Anlehnungen an Naturwachstum und –wandlung. Oft sind es Mischformen, ablesbar in Machart, Material und Farbgebung. Sie sind uns fremd und vertraut zugleich, so als hätten wir sie vergessen und wiedergefunden. Ihre Zwecklosigkeit ist augenscheinlich, und wenn wir auch in den diffusen Gefilden der Erinnerungen, Vorstellungen und Ahnungen auf Analogien stoßen. Sinn und Seele“ der Objekte finden wir nur in ihnen selbst. Wir müssen sie betrachten, sie sind für uns gemacht.
Der Aufstand der Objekte“, ihr Heraustreten aus Nebenrollen und Stilleben, ihre Befreiung von Anthropomorphismen hatte sich schon lange angekündigt, bevor Marcel Duchamps Flaschentrockner aus der Fabrik ins Museum wechselte. In fantastischen Erzählungen treffen wir auf beseelte, sprechende und handlungsfähige Objekte: Alltagsdinge, die oft mit magischen Kräften ausgestattet sind (E.T.A. Hoffmann, Lewis Carroll, Swift).
Mag es bei Wilhelm Busch noch mit rechten Dingen zugehen, wenn sein Möblemang“ gegen den heimkehrenden Trunkenbold rast, so schreibt Theodor Vischer in Auch einer“ den Dingen Eigenwillen, Absichten und Tücke zu. Grandville setzt Vertrauen in die Erscheinung der Dinge: er lässt Perücken, Pompons und Toupets auf dem Meeresgrund wachsen und fügt noch manche Metempsycoses et autres choses“ hinzu. Einzig durch den Wechsel des Bezugfeldes blüht die Dingmagie auf. Autremonde!
Lautréamont schlägt darüber hinaus ein überraschendes Rendezvous disparater Dinge vor: Die unerwartete Begegnung eines Regenschirms mit einer Nähmaschine auf einem Seziertisch. Eine folgenreiche Versuchsanordnung. Das Objectum (das uns Entgegengeworfene) wechselt von der Rolle des Gegenübers des Modells in die des Hauptakteurs: wie bei Brancusi, Picasso, de Chirico, Beckmann bis hin zu Claes Oldenburg und Joseph Beuys.
Florian Japps Objekte sind neu. Sie verdanken sich nicht einer Versetzung, Verfremdung“, Beseelung oder Versuchsanordnung. Sie sind keine Modelle, Requisiten, Allegorien, Signets. Sie sind pure Skulpturen, Objekte, Kunstwerke. Man muss sie sehen und erleben, sich ihnen aussetzen.
Über die Kontemplation, die einzig ein klares Erkennen der Objekte ermöglicht, öffnet sich ein Tor zu Poesie und Rätselhaftigkeit, zum Traum, zur Ahnung. Aus souveräner Fremdheit und rätselhafter Vertrautheit entfalten sie eine Wirkung im Raum, bilden Energiezentren und Kraftfelder und nehmen Einfluss auf Richtung, Intensität und Tiefe unserer Wahrnehmung und Aufmerksamkeit.
April 2009 Prof. Udo Scheel